Die Bombe

Die Bombe hatte bereits einige Zeit dagelegen. Im Grunde grenzte es schon fast an ein Wunder, dass noch niemand darauf getreten war. Dass sich nicht einmal jemand um sie kümmerte. Sie hatte sogar mehrere Putztage des Reinigungsdienstes überstanden. Dabei war die Bombe nicht gerade unauffällig. Es musste sich wohl um einen Tretmine handeln, denn es war keine äussere Zündvorrichtung zu erkennen. Wer sie dort hin gelegt hatte, war im nachhinein nicht mehr zu rekonstruieren. Ein Grund dafür war ebenfalls nicht zu finden. Und dass jemand zufälligerweise eine Bombe in der Schule verlieren würde, war wohl die unwahrscheinlichste Erklärung von allen. Auch ich war einige Tage an diesem Ding vorbeigegangen, ohne es gross zu beachten. Doch am Mittwochmorgen blieb ich plötzlich stehen. Da hatte ich doch was gesehen, so einfach aus den Augenwinkeln! Ich drehte mich um. Schüler liefen rechts und links schwatzend vorbei, und Angela blieb genervt stehen. „Was ist? Wir müssen in die nächste Stunde! Komm endlich!“, rief sie mir zu und ging weiter. Ich hatte endlich entdeckt, was mir da so aufgefallen war: ein kleines Ding. Es lag auf dem Boden. Schwarz war es. Rund. Geduckt. Ich ging näher. Ein Schüler, der gedankenverloren in ein Gespräch mit einer Kollegin vertieft war, wich mir in letzer Sekunde aus. Ich bückte mich. Betrachtete dieses Ding. Dann entschlüpfte meinen Lippen zwei überraschte Worte: „Eine Bombe?!“, flüsterte ich leise. Jemand neben mir blieb stehen. „Was hast du gesagt?“, fragte er mich. „Eine Bombe“, antwortete ihm der Nebenstehende an meiner Stelle. Ich konnte mich nur aufrichten, den andern wortlos anstarren, wieder auf die Bombe starren, wieder den anderen an. Es war, als hätte sich ein Wispern in einem Baum erhoben, als würden sich seine Blätter gegenseitig eine Geschichte erzählen, die bis zu den äussersten Blättern getragen wurde. Im Schulhaus erhob sich ein Flüstern, ein aufgeregtes Murmeln, dass sich langsam verlor und dann anwuchs, immer lauter wurde, vom Flüstern sich aufbauschte zu einem ohrenbetäubenden Lärm. Und alle, alle schrien sie nur ein Wort: „Eine Bombe!“

Dann kam Bewegung in die Schüler, und sie kamen aus den Zimmern und drängten den Treppen zu. Jeder wollte zuerst raus aus dem Gebäude, raus, weg von der Bombe. Und sie schoben und stiessen, zerrten und boxten und hieben blind um sich. Und der andere, der meine zwei entschlüpften Worte gehört hatte, er wich vor mir zurück und wurde mir doch entgegengestossen, und ich sah die Bombe, sah sie immer näher kommen.

Ihr scharfes Klicken wunderte mich noch. Für einen Moment war alles ruhig, niemand sprach ein Wort. Stille. Die Helligkeit überstieg alles, was ich je zuvor gesehen hatte. Irgendwo in den Resten meines Gehirns dachte ich noch: „So muss das Licht zum Himmel aussehen…“

12. Januar 2000

Ecriture automatique

Ich fühlte mich alt

Ich sah mein Leben an mir vorbeiziehen, sah Vögel und Bäume, liebte den Wind der in den Bäumen nach seiner Heimat suchte flog mit seinen Gedanken zurück und wusste doch nicht, wohin meine Beine mich trugen ohne meinen Gedanken zu folgen flog ich weiter und immer weiter das Ende war nie abzusehen die Gefühle sogen mich auf, um mich gleich darauf wieder auszuspucken und eigentlich bin ich voll bis obenhin und zugleich leer, die Musen verlassen denGlücklichen, wer stark war wird schwach, wer hörte kann sehen ich suche die Klarheit sie ist in der Reinheit und will etwas über andere wissen kann sie nicht erkennen der Wind sucht sein Zuhause wo mögen die Kinder geblieben sein und die Schwäne und die Schwulen und ist die Liebe nur eine Klammer nur ein Gerücht wie die Rundung der Erde wie sie doch eine Schiebe ist, eine riesige Scheibe ist, wie wir doch auf ihr leben müssen, wie ich doch weinen muss wie mich doch der Wind entführt und weitertreibt weiter, immer weiter bis zum Ende

16. November 1998

Der stille Ort

Er flog. Wie im Traum, über Hügel und Täler, über Wüsten und Meere und schliesslich, ganz plötzlich, landete er. Es war eine sanfte Landung, er fiel in weiches Gras, fast ertrank er darin, es reichte ihm bestimmt bis zu den Hüften. Er war auf dem Rücken gelandet. Das Gras war ein gemütliches Bett, die Sonne ging langsam unter, blutrot hing sie am Himmel. Einen Moment dachte er noch etwas besorgt an mögliche Gefahren, an Insekten oder wilde Tiere, doch dann schlief er friedlich ein. Er erwachte durch zartes Vogelgezwitscher, die Sonne schien schon hell, doch der Tag war jung, frisch und klar. Alles schlief noch, nur die Vögel zwitscherten. Er lief ein Stück, und als er an einen Bach kam, liess er sich auf die Knie nieder, um zu trinken. Das Wasser war eiskalt, wie frisches Quellwasser, er wusch sich prustend, liess das kalte Wasser über seinen Körper fliessen und beobachtete dann vergnügt, wie sich glitzernde Perlen bildeten. Er blieb noch etwas am Ufer sitzen, genoss die Einsamkeit und die Sonne. Dann stand er auf, breitete seine Arme aus und flog in den Himmel, schliesslich musste er rechtzeitig zum Frühstück zurück sein…

10. Februar 1997

Laufen

Ich hatte beschlossen zu laufen. Der Grund dafür war mir entfallen, irgendwo liegengeblieben zwischen den Sträuchern und Grasleichen im Land hinter mir. Vielleicht hatte ich es wie die australischen Ureinwohner machen wollen. Wenn ein Aborigines das Gefühl hat, er habe sein eigenes Ich verloren, macht er sich auf den Weg. Er läuft und läuft immer geradeaus, ohne nach rechts oder links zu sehen und ohne anzuhalten. Der Aborigines hofft, irgendwann auf sein Ich zu treffen. Dann setzt er sich und spricht so lange mit ihm, bis er weiss, was ihm in seinem Leben gefehlt hat. Erst dann kann er wieder nach Hause zurückkehren. Vielleicht war dies der Grund, weshalb ich zu laufen begonnen hatte. Einmal habe ich mir überlegt, es den Aborigines gleich zu tun, doch wo sollte ich hingehen, in einem Land voller Strassen, Vergewaltigern und kalten Nächten? Ohne öde Grasländer? Und voller Menschen?

Als ich zu laufen begonnen hatte, waren erst noch viele Menschen um mich. Ich befand mich in einer Stadt, und sie waren überall um mich herum, liefen hierhin und dahin, liefen mir entgegen, liefen aneinander vorbei und voneinander weg. Doch ihr Gehen war seltsam, zerstreut und ohne Ziel. Als sich die Reihen der Häuser lichteten, wurden auch die Menschen weniger, vereinzelt traf ich nun auf sie, meist gingen sie in Gruppen oder zu zweit, nie allein. Sie sprachen miteinander, leere Worte, die ich nur hören, doch nicht verstehen konnte.

Schliesslich liess ich das letzte Haus hinter mir, und mit ihm die Menschen. Anfangs war mir das Gehen schwergefallen, mühsam musste ich mich zu jedem Schritt zwingen, als wären Steine an meine Fussgelenke gebunden, als wäre die Strasse ein sumpfiger Morast. Doch als die Stadt hinter mir lag, wurden meine Schritte leichter, ich schien zwei Treppenstufen in die Höhe zu steigen und auf der Luft meinen Weg fortzusetzen. In der Stadt waren mir noch viele Gedanken im Kopf herum geschwirrt, wie ein Abbild der äusseren Welt liefen sie eilig und ziellos in meinem Kopf herum. Doch je länger ich lief, je weniger Menschen ich begegnete, desto ruhiger wurden meine Gedanken, schwebten träge dahin und schliesslich verschwanden sie. Was hätte ich auch in diesem trostlosen Land denken können? Die Sonne versteckte sich hinter einer weissen Dunstmauer, das Land selbst war leer, eine Wüste aus trockener Erde, nur selten das Gerippe eines Baumes oder die gelben Überreste von Gras. Dennoch, mir war gut. Das öde Land lag um mich und erstreckte sich weit, weiter, bis zum Horizont. Doch ich kam diesem nicht näher, als würde er vor mir fliehen. Ein leiser Wind wehte mir das seltsame Gefühl von Leere zu. Mochte dort das Ende sein? Würde dort alles verschwinden, im Schlund einer Unendlichkeit? War es die Absicht des Landes, mich nicht bis dorthin kommen zu lassen?

Als ein Vogel sich erhob und flügelschlagend die Erde verliess, als er gen Himmel flog und im Dunst verschwand, da fragte ich mich zum letzten Mal, ob ich das Richtige getan hatte. Es gab keine Umkehr, das war mir klar. Und als ich tief in mich hinein horchte, da gab es auch keine Reue. Mochten mich die Götter in dieser Zwischenwelt gefangen halten, mochte ich bis in alle Ewigkeit gehen, mochte der Horizont vor mir fliehen! Dies war mein Schicksal.

Und ich lief weiter, unaufhörlich, immer weiter, immer weiter…

1. Juni 1998

Der Donnergott

Auf einem Hügel stehend, erwarte ich mit Schaudern den mächtigen Donnergott. Am Horizont kündet Düsternis von seinem Kommen. Noch bescheint die Sonne das durstige Land, doch ein tiefes Grollen lässt die Bäume erzittern, und die Erde lechzt nach dem Nass seiner Begleiterin.

Der Wind flüstert mir seine Ankunft zu, erst leise und schmeichelnd. Dann plötzlich braust der grosse Donnergott im goldenen Streitwagen heran, peitscht die Wolkenpferde vorwärts und verdunkelt die Sonne mit seinem schwarzen Umhang. Erst höre ich in der Dunkelheit nur seine Herolde, sie blasen die mächtigen Hörner zu seinen Ehren. Dann sehe ich ihn, den mächtigen Donnermacher aus altem Göttergeschlecht, und er hält das Licht in seinen Händen. Zornig wirft er es auf die Schöpfung und verbrennt einen Baum, nimmt sich sein gefordertes Opfer. Seine feuchte Begleiterin weint schwere Tränen auf die Erde und ich blicke ihm nach, höre den Wind schmeichelnde Abschiedsworte flüstern, die Herolde, weit weg bereits, ihre Hörner blasen, das letzte Schnauben der Wolkenpferde, ein unhörbares Grollen, Stille

14. Januar 1998

Angst

Irgendwo, den 29. August 1997

Hallo du,
Ich habe dir nun schon lange nicht mehr geschrieben. Mir ist einfach nichts Interessantes eingefallen. Heute ist mir jedoch etwas passiert, von dem ich dir unbedingt berichten muss. Es hat mich so beschäftigt, dass ich es gleich im Zug aufgeschrieben habe. Hier also meine Geschichte:

Im Zug Irgendwo, den 29. August 1997

Heute habe ich ehrlich gesagt keine Lust, in die Schule zu gehen. Es ist nicht wie sonst, dass mir einfach die Motivation fehlt. Ich habe Angst! Ich habe heute Morgen verschlafen, die Batterie meines Weckers war über Nacht ausgegangen. In einer Rekordzeit von einer Viertelstunde, sonst brauche ich drei, war ich angezogen und abfahrbereit. In Irgendwo jedoch musste ich zehn Minuten auf den verspäteten Zug warten. Super! Zuerst beobachtete ich fasziniert das Schauspiel der vorbeiziehenden Wolken am Morgenhimmel. Es war wunderschön! Dann schaute ich einer Frau zu, die offenbar Ballettschritte übte. Plötzlich meinte ich, ein schwaches Männerbrüllen gehört zu haben. War es meine Müdigkeit, die mir einen Streich spielte? Auf der anderen Gleisseite stand, keine zwanzig Meter entfernt, ein weisses Auto. Darin stritt sich offenbar ein Paar. Auch die übrigen wartenden Fahrgäste blickten nun neugierig in die Richtung des Autos. Undeutlich konnte ich verstehen, wie der Mann über sein Fahrzeug fluchte. Die Frau wollte ihn wohl beruhigen, das Schreien der beiden war jedoch nur undeutlich zu verstehen. Dann versuchte die Frau, aus dem Auto zu steigen, denn plötzlich dröhnte ein deutliches: „Du bleibst hier“, zu uns hinüber. Mich überkam in jenem Moment eine unerklärliche Angst. Ich wollte vor dem Auto zurückweichen, jeder andere der wartenden Reisenden kam mir plötzlich… bedrohlich vor. Auf der anderen Seite des Geleises hielt in diesem Moment ein Auto mit quietschenden Reifen vor einer Kreuzung, und ich erinnere mich noch genau wie ich dachte: „Sind denn heute alle verrückt?“ Als der Zug einfuhr brach in mir plötzlich Panik aus. Wie ein drohender Schatten zischte die Eisenbahn heran, als wolle sie mich aufsaugen, mich verschlingen. Mir kam in den Sinn, dass ich nun zur Schule gehen musste, und mit einem Mal erfasste mich ein Gefühl absoluter Angst. Gegen meinen Instinkt, der mir zuschrie: „Geh nach Hause, geh heim“, stieg ich in den Zug und setzte mich in ein Abteil. Sofort begann ich nach meinem Block zu suchen, um dies hier aufzuschreiben, um die anderen Fahrgäste nicht ansehen zu müssen, um meine Angst im Stillen zu bezwingen. In dieser Zeit setzte sich ein Mann mir gegenüber hin und schlug seine „Blick“-Zeitung auf. Während des Schreibens sah ich ihn nur aus den Augenwinkeln. Ich hatte das Gefühl, er würde mich anstarren und jeden Moment aufspringen, um mich zu schlagen oder gar zu ermorden. Die Angst sitzt mir im wahrsten Sinn des Wortes in den Knochen, ich fühle mich ganz steif, Arme und Beine tun mir weh und ein seltsamer Druck lastet auf meiner Brust. Hoffentlich passiert heute nichts!

Während des Tages schrumpfte die Angst zu einem unguten Gefühl zusammen, doch ich spüre meine Knochen immer noch. Als ob jemand Stahlbänder um sie gelegt hätte und diese nun langsam aber unbarmherzig zusammenzöge. Gerade ist mir eingefallen, dass dies vielleicht ein Anfall einer Angstneurose war. Es gibt ja Menschen, die, wenn sie zum Beispiel über eine Brücke gehen oder wenn ein Zug einfährt (!), plötzlich eine irrationale Angst empfinden. Ich war jedenfalls extrem schockiert. Dieses ungute Gefühl den ganzen Tag, als lauere hinter jeder Ecke ein Monster aus meinen schlimmsten Alpträumen und risse auch meine Mitmenschen in den Wahnsinn! Ich hoffe, so etwas passiert mir nie wieder!

Dies war also mein Bericht. Ich hoffe, ich habe dich damit nicht zu sehr erschreckt. Wirst du mir deine Meinung dazu schreiben?

Auf bald
Anna!

Schwarzer Tag

Eines Tages wachte ich am Morgen auf und wusste, dass ich nicht mehr schreiben konnte. Es war ein Wissen, wie wir es vielleicht haben, wenn einem geliebten Menschen etwas zustösst. Oder wenn wir uns weigern, in ein bestimmtes Flugzeug zu steigen. Mir kam es jedoch vor, wie die Gewissheit nach einem Albtraum, die uns das Erwachen so schwer macht, als würden wir die nächtlichen Schrecken mit uns in die reale Welt nehmen. Ich wusste einfach, dass ich nicht mehr schreiben konnte. Schweissgebadet lag ich in meinem Bett, unfähig, auch nur einen Muskel zu rühren. Meine Gedanken rasten, doch gleichzeitig war mein Gehirn leer. Ich war in Panik, mein Herz raste wie wild, ich versuchte mich vergeblich zu bewegen. Erst als der Wecker rasselnd verkündete, es sei Zeit auf zu stehen, vermochte ich mich auf zu setzen. Wankend lief ich ins Badezimmer, wie eine Betrunkene nach links und rechts torkelnd, knallte gegen einen Türrahmen. Endlich stand ich in der Dusche. Ich drehte das Wasser auf, eiskalt ergoss es sich über mich, über mein Nachthemd, das aus zu ziehen ich nicht imstande gewesen war. Erst als mein Körper vor Kälte und nicht mehr vor Schock zitterte, gewährte ich ihm etwas Wärme. Wie in Trance zog ich mich an, verliess das Haus, das Morgenessen völlig vergessen, setzte mich in den Zug und befand mich schliesslich in der Schule, letzte Bastion der Realität.

In unserer ersten Stunde hatten wir Mathematik. Ich hörte dem Lehrer zu, und als wir die Theorie einschreiben sollten, nahm ich den Deckel von meinem Füller, um ihn anschliessend auf das Blatt auf zu setzen. Meine Gedanken strömten aus meinem Gehirn in meinen Arm, in die Hand, dann in den Füller und von dort aus in Form von Tinte auf das Blatt. Zahlen füllten die weisse Leere.

Die zweite Stunde war besetzt durch die Geschichte. Meine Gedanken strömten wieder aus meinem Gehirn in meinen Arm, in die Hand, dann in den Füller und von dort aus in Form von Tinte auf das Blatt. Vergangenheit füllte die weisse Leere.

Dritte Stunde: Deutsch. Bleich betrat ich das Klassenzimmer. Mein Blut rauschte mir in den Ohren, und es war mir, als würde es mir zuflüstern: „Du kannst nicht mehr schreiben. Du kannst nicht mehr schreiben.“ Hölzern setzte ich mich auf meinen Stuhl, mein Körper schien der Erde zwar entgehen zu fallen, jedoch nur, weil eine unsichtbare Macht mich zog. An diesem Tag war Schreibwerkstatt. Ich war nicht fähig, den Ausführungen meines Lehrers zu folgen. Als die anderen ihre Bleistifte und Kugelschreiber zückten, nahm auch ich meinen Füller in die Hand. Mit schreckgeweiteten Augen und starrem Blick schaute ich auf dieses Ding in meiner Hand hinunter. Für Minuten war ich wieder nicht fähig, mich zu bewegen. Mir kam einfach nicht in den Sinn, was ich mit diesem Ding tun sollte. Endlich löste ich den Deckel vom Schaft und setzte die Federspitze auf mein Blatt. Meine Augen schienen ausgetrocknet zu sein. Erstaunt beobachtete ich, wie sich auf dem Blatt ein grauer Fleck bildete, der sich rasch ausbreitete. Meine Stirn war schweissnass, und meine Hand schien zu zittern. Der Klang der Pausenglocke erlöste mich. Auf der Heimfahrt konnte ich nur an meine Angst denken, die mich vor vielen Jahren einmal überfallen hatte. Es war zu einer Zeit, als es noch ungewöhnlich war, dass jemand schreibt. Viele Menschen hatten mir prophezeit, dass ich eines Tages ein Buch schreiben würde. Auch ich war dieser Überzeugung. Irgendwann las ich dann ein Buch und stellte mir die ganze Zeit vor, welche Arbeit es bedeutet, sich eine solche Geschichte aus zu denken und sie anschliessend auch noch auf zu schreiben. Und plötzlich überwältigte mich die Angst, dass auch ich eines Tages ein Buch schreiben würde. Ein einziges Buch, denn danach würde für mich alles geschrieben sein, mein ganzes Leben ausgekotzt und aufgeschrieben so zu sagen, und ich würde nicht mehr schreiben können! Nie mehr! Nun war es also geschehen, ich hatte nie ein Buch geschrieben, und ich würde es nie tun. Ich konnte nicht mehr schreiben. Der Gedanke liess mich nicht mehr los.

Zu Hause angekommen, vergrub ich mich in meinem Bett unter einem Berg von Decken. Doch auch die Dunkelheit konnte das Wissen nicht verdrängen. Ich konnte nicht mehr schreiben. Es hallte in meinem Kopf, der mir völlig leer vorkam, als hätte mir jemand unbemerkt das Gehirn ausgesaugt. Verzweifelt wälzte ich mich hin und her. Endlich stand ich auf und suchte im Medizinalschrank nach Schlaftabletten.

„Ich kann nicht mehr schreiben“, hallte es in meinem Kopf. Ich nahm die erste Schlaftablette. Doch es gab keine Erlösung. „Nie mehr schreiben“. Die zweite Tablette fand den Weg in meinen Magen. Unwirksam. Verzweifelt nahm ich eine dritte. „Ich kann nicht mehr schreiben.“ Kein Fluch konnte schlimmer sein. Ich konnte nicht mehr schreiben.

Endlich kam der erlösende Schlaf. Erleichtert begrüsste ich das süsse Vergessen. Neben meinem Bett lagen einige leere Röhrchen…

1. Oktober 1998

Zukunft?

In einer fernen Zukunft. Die Menschen verlassen ihre Häuser nicht mehr. Sie liegen in kleinen Kammern, auf an den Decken befestigten Pritschen, angeschlossen an des Internet, dessen Ausdehnung längst die Dimensionen unseres Universums gesprengt hat. Die Menschen kreieren ein selbstentworfenes Abbild und begegnen und lieben sich als Fremde.

Datum: Ein Tag in ferner Zukunft
Ort: Internet
Anwesende: Romeo und Julia

Romeo steht auf der Wiese, auf einem kleinen Hügel. Er ist allein. Plötzlich ertönt Julias Stimme: „Kommst du mit?“ Romeo dreht sich um die eigene Achse. „Wohin?“, fragt er. Belustigt säuselt Julias Stimme: „Auf eine Reise?“ Wieder fragt Romeo: „Wohin?“ „Zu mir.“ Pause. „Schau mich an. Sag ja.“ Romeo ist verwirrt. Wieder dreht er sich um, sieht nach allen Seiten. „Ja- wo bist du?“, fragt er in die Leere. Julias Stimme lacht: „Auf der Reise zu mir!“ Ihr Lachen schwebt wie ein zartes, neckisches Lüftchen zwischen dem computergenerierten Gras und dem aus Milliarden Pixels bestehenden Himmel. Romeo lässt sich nicht beeindrucken. „Ich kann dir zeigen, wo du bist“, ruft er, „hier an meiner Hand. Warum willst du auf die Reise?“ Julias Körper wird sichtbar, noch ist er durchsichtig und ohne Farbe, wie ein Geist schwebt sie um Romeo. „Ich möchte fliehen. Vor dir, vor der Welt, die mich will. Schau mich nicht an. Ich weiss, dass diese Flucht ohne dich mir nicht gelingt. Lass mich fliehen. Ich möchte das Salz auf meiner Zunge spüren.“ „Du spinnst.“ Romeos harter Kommentar lässt Julia auf die Erde sinken, langsam bekommt ihre Haut Farbe, ihr Haar, ihre Kleidung. Doch noch immer kann Romeo durch sie hindurch sehen, noch immer ist sie ein Gespenst. Mit sanfter Stimme weist sie Romeo zurecht: „Nur so lange, bis du mit mir auf die Reise kommst. Ich möchte dir nicht entwischen. Du bist der kostbare Schatz, der am Erdboden leuchtet.“ Lachend rennt sie vor ihm davon. Romeo ruft ihr nach: „Bleib stehen.“ Abrupt dreht sich Julia nach ihm um. Mit plötzlich aggressivem Unterton in der Stimme fragt sie: „Warum?“ Auf Romeos Zügen ist nichts zu erkennen, die Pixels flimmern nur leicht. „Warum die Frage nach dem Warum?“ Julia scheint sich zum Sprung zu ducken. „Darum.“, brüllt sie ihn an, „also warum?“. Romeo sieht Julia stumm an. Zögernd antwortet er ihr dann: „Ich mag nicht deine Fusssohlen vor mir sehen. – Hast du neue Schuhe?“ Julia scheint verärgert über Romeos schwachen Versuch, ihrer Frage auszuweichen. „Darum möchtest du nicht mit auf die Reise kommen. Du hast Angst, dass ich vor dir am Ziel sein könnte.“ Ihr Vorwurf erhebt sich in die Luft, schwebt zwischen ihnen, wie zuvor Julia, erzeugt eine Spannung. Romeo tritt unruhig von einem Fuss auf den anderen, macht einen versöhnlichen Schritt auf Julia zu. Sein „Nein“ ist fast flehend. Doch Julia ist unbeeindruckt. Die Weiten des Internets rufen sie. Es gibt nicht mehr viel zu sagen. „Dann bleib nicht stehen. Lauf weiter, bis du mich eingeholt hast. Aber warte nicht zu lange.“ Sie dreht sich um und läuft davon. In der Ferne verblasst ihr Körper wieder, wird zu einem säuselnden Geist. Romeo steht nur da, sieht seiner Geliebten nach. Sein Herz ist leer, sein Kopf, sein Bauch. Kraftlos stiehlt sich ein „Bleib stehen“ über seine Lippen und hallt wie ein flehendes Flüstern vom Himmel wieder.

Julia liegt auf ihrer Pritsche.
Irgendwo, vielleicht gleich neben ihr, liegt auch Romeo.

Dialog von Petra

Geschichte von Anna!, beendet am 24. Januar 1999

anna kocht

Samstag. Langeweile. anna war früh aufgestanden. Brav zur Post gegangen. Der Nacken kündigte den ganzen Tag Kopfweh an, doch es kam nie richtig. Sie sah viel fern und räumte etwas auf.

Um sieben entschied sich anna, Abendessen zu kochen. Der Kühlschrank war noch voller Gemüse. Auf Blätterteig, darüber eine Eiersauce, das lag nahe. anna nahm die Kartoffeln aus dem Kühlfach, wo sie in Kürze vor sich hinschimmeln würden. Schnitt den Sack auf und begann die Kartoffeln zu schälen.

Ungefähr nach der Hälfte meldete sich ihr Handy. „Piep, piep“ kündete es ein SMS an. anna stöhnte genervt auf, wusch ihre Hände mit klarem Wasser ab und holte das Handy in die Küche. Depeche Mode weinte einer verpassten Liebe hinterher, und anna las ihre Nachricht: was machst du gerade? stand da. anna lächelte. es ist samstagabend, warum bist du nicht im ausgang? schrieb sie zurück. Thomas würde sie mindestens 5 Minuten auf die Antwort warten lassen, also machte sie sich wieder an die Arbeit. „Piep, piep“. woher willst du wissen, dass ich NICHT im ausgang bin? was machst du gerade?. Die Antwort war einleuchtend. anna gab es auf. ich koche. Keine sehr witzige Antwort, aber es ging hier ja auch nicht um das Erringen des Nobelpreises für Literatur. „Piep, piep“. anna hatte sich in der Zwischenzeit einen Nagel abgerüstet. Auch ein kleines Stück Haut aus dem Zeigefinger. Zum Glück war es nur Haut. kann ich dir dabei helfen?. anna schaute einen Moment gedankenverloren auf den Haufen Kartoffelpellen, der sich schon angesammelt hatte. Eine Kartoffel lag erst halb geschält obenauf. Sie sah sie plötzlich voller Blut. Rotes Blut aus ihrem Finger. Dann wurde das Bild schwarz-weiss. anna räusperte sich und überlegte, was sie als Antwort schreiben sollte. Natürlich konnte ihr Thomas nicht beim Kochen helfen. Wenn er käme, wäre der Kuchen bereits im Ofen. klar :-). Sie würde den Literaturnobelpreis nie erringen. ich bringe den nachtisch mit :-). anna lächelte wieder. Während sie die Kartoffeln weiter schälte und sich verfluchte, einen sack mit klitzekleinen Kartoffeln erwischt und gekauft zu haben, kam ihr plötzlich ein erheitender und schauriger Gedanke. Sie sah Thomas vor sich, wie er einen dieser furchtbaren Männerdessous trug. Mit Tigermuster. anna musste laut lachen.

Thomas kam, und brachte eine Schachtel mit Rumkugeln mit. anna war irritiert. Sie wusste, was Thomas von Rumkugeln hielt. Das gleiche, was sie oft zu hören bekam: „Konditoreiabfälle, wäh, wie kannst du das nur essen?“ anna hatte eine Schwäche für Rumkugeln.

Das Essen verlief schweigsam. Thomas hatte auch eine Flasche Wein mitgebracht, und das dunkle Rot des Weines brach sich wunderschön im Licht der Kerzen. Durch ihren Schein konnte anna Thomas‘ Blicke auf sich fühlen.

Nach dem Essen wechselten sie ins Schlafzimmer. „Zieh dich aus“, forderte Thomas anna mit einem Lächeln auf. Sie tat es. Einen Moment hätte sie fast laut gelacht. Nein, es sollte kein Striptease sein, nur ein erotisches ausziehen. Wie passend, dass just in diesem Moment Phil Collins ‚In the Air tonight‘ anstimmte. Sie wog sich zu der Musik. Knöpfte langsam ihre Bluse auf. Thomas folgte ihren Händen mit seinem Blick.

„Leg dich hin“. anna legte sich aufs Bett. Es war warm und weich, und die Welt drehte ein bisschen um sie her. Thomas holte eine Rumkugel aus der Schachtel. „Jetzt will ich meinen Nachtisch“, murmelte er mit einem Grinsen und bröselte Schockoladenstreusel auf annas Bauch. Die Schokolade glänzte auf der Haut, und schmolz bereits da und dort. Thomas beugte sich über annas Bauch und legte sie auf. Für einen kurzen Augenblick war sie froh, dass ihre Bettwäsche schwarz war. Wenn er aber so weitermachte, würden sie heute Nacht in einem Meer von Schockoladenstreusel schlafen. Diese würden durch ihre Körperwärme schmelzen und sie beide würden morgen wie zwei Schwarze aussehen. anna lächelte. Welch gute Ausrede für eine gemeinsame Dusche. Thomas‘ Zunge wanderte weiter…

16. März 2002

annas Bauch

Ich erkannte annas Gesicht, nicht jedoch ihren Bauch. Er war angeschwollen, unglaublich dick. anna lehnte sich leicht nach hinten und stützte mit den Händen den Rücken. Ihre Lippen umspielte ein Lächeln, als sie meinen fassungslosen Blick sah. „Du, du bist schwanger!“, stiess ich hervor, und gleichzeitig tönten mir alle meine Aengste in den Ohren.

Ich trank einen Cappuccino, anna Tee. Sie hatte nie zuvor Tee getrunken. Ihr sei jedoch seit der dritten Woche dauernd schlecht geworden, wenn sie Kaffee roch, so hatte sie es auch gemerkt, erkärte sie mir. Nun, kurz vor der Niederkunft, konnte sie ihn zwar wieder riechen, jedoch immer noch nicht trinken. Das war die einzige Erklärung, danach sprachen wir wie immer über Gott und die Welt. Als wäre ihr Bauch nicht zwischen uns.

Irgendwann verstummten wir, und ich starrte auf annas Bauch und durch ihn hindurch. Sah mich selbst darin liegen und wünschte mich dahin zurück.

Später hörte ich, dass die Aerzte einen Planeten entbunden hatten. Sie waren verblüfft, als da statt eines nackten Kindes ein kleiner, blauer Planet aus anna herausgedrückt wurde. Der Planet drehte sich einen Moment vor annas lächelndem Blick und entflog dann durch das Fenster, dem Himmel entgegen. Nun stehe ich manchmal da und frage mich, welcher der Sterne da oben annas Welt sein mag. Und ob ich mir selber von dort zuwinke.

In annas Bauch

Schön war uns die Welt
Als wir noch alle Teil von anna
Als wir noch alle in annas Bauch

Nun sehe ich dich schwanger
Und wünsche mich zurück
Wär‘ gerne wieder ein Teil von dir

4. Mai 2002