Angst

Irgendwo, den 29. August 1997

Hallo du,
Ich habe dir nun schon lange nicht mehr geschrieben. Mir ist einfach nichts Interessantes eingefallen. Heute ist mir jedoch etwas passiert, von dem ich dir unbedingt berichten muss. Es hat mich so beschäftigt, dass ich es gleich im Zug aufgeschrieben habe. Hier also meine Geschichte:

Im Zug Irgendwo, den 29. August 1997

Heute habe ich ehrlich gesagt keine Lust, in die Schule zu gehen. Es ist nicht wie sonst, dass mir einfach die Motivation fehlt. Ich habe Angst! Ich habe heute Morgen verschlafen, die Batterie meines Weckers war über Nacht ausgegangen. In einer Rekordzeit von einer Viertelstunde, sonst brauche ich drei, war ich angezogen und abfahrbereit. In Irgendwo jedoch musste ich zehn Minuten auf den verspäteten Zug warten. Super! Zuerst beobachtete ich fasziniert das Schauspiel der vorbeiziehenden Wolken am Morgenhimmel. Es war wunderschön! Dann schaute ich einer Frau zu, die offenbar Ballettschritte übte. Plötzlich meinte ich, ein schwaches Männerbrüllen gehört zu haben. War es meine Müdigkeit, die mir einen Streich spielte? Auf der anderen Gleisseite stand, keine zwanzig Meter entfernt, ein weisses Auto. Darin stritt sich offenbar ein Paar. Auch die übrigen wartenden Fahrgäste blickten nun neugierig in die Richtung des Autos. Undeutlich konnte ich verstehen, wie der Mann über sein Fahrzeug fluchte. Die Frau wollte ihn wohl beruhigen, das Schreien der beiden war jedoch nur undeutlich zu verstehen. Dann versuchte die Frau, aus dem Auto zu steigen, denn plötzlich dröhnte ein deutliches: „Du bleibst hier“, zu uns hinüber. Mich überkam in jenem Moment eine unerklärliche Angst. Ich wollte vor dem Auto zurückweichen, jeder andere der wartenden Reisenden kam mir plötzlich… bedrohlich vor. Auf der anderen Seite des Geleises hielt in diesem Moment ein Auto mit quietschenden Reifen vor einer Kreuzung, und ich erinnere mich noch genau wie ich dachte: „Sind denn heute alle verrückt?“ Als der Zug einfuhr brach in mir plötzlich Panik aus. Wie ein drohender Schatten zischte die Eisenbahn heran, als wolle sie mich aufsaugen, mich verschlingen. Mir kam in den Sinn, dass ich nun zur Schule gehen musste, und mit einem Mal erfasste mich ein Gefühl absoluter Angst. Gegen meinen Instinkt, der mir zuschrie: „Geh nach Hause, geh heim“, stieg ich in den Zug und setzte mich in ein Abteil. Sofort begann ich nach meinem Block zu suchen, um dies hier aufzuschreiben, um die anderen Fahrgäste nicht ansehen zu müssen, um meine Angst im Stillen zu bezwingen. In dieser Zeit setzte sich ein Mann mir gegenüber hin und schlug seine „Blick“-Zeitung auf. Während des Schreibens sah ich ihn nur aus den Augenwinkeln. Ich hatte das Gefühl, er würde mich anstarren und jeden Moment aufspringen, um mich zu schlagen oder gar zu ermorden. Die Angst sitzt mir im wahrsten Sinn des Wortes in den Knochen, ich fühle mich ganz steif, Arme und Beine tun mir weh und ein seltsamer Druck lastet auf meiner Brust. Hoffentlich passiert heute nichts!

Während des Tages schrumpfte die Angst zu einem unguten Gefühl zusammen, doch ich spüre meine Knochen immer noch. Als ob jemand Stahlbänder um sie gelegt hätte und diese nun langsam aber unbarmherzig zusammenzöge. Gerade ist mir eingefallen, dass dies vielleicht ein Anfall einer Angstneurose war. Es gibt ja Menschen, die, wenn sie zum Beispiel über eine Brücke gehen oder wenn ein Zug einfährt (!), plötzlich eine irrationale Angst empfinden. Ich war jedenfalls extrem schockiert. Dieses ungute Gefühl den ganzen Tag, als lauere hinter jeder Ecke ein Monster aus meinen schlimmsten Alpträumen und risse auch meine Mitmenschen in den Wahnsinn! Ich hoffe, so etwas passiert mir nie wieder!

Dies war also mein Bericht. Ich hoffe, ich habe dich damit nicht zu sehr erschreckt. Wirst du mir deine Meinung dazu schreiben?

Auf bald
Anna!

Schwarzer Tag

Eines Tages wachte ich am Morgen auf und wusste, dass ich nicht mehr schreiben konnte. Es war ein Wissen, wie wir es vielleicht haben, wenn einem geliebten Menschen etwas zustösst. Oder wenn wir uns weigern, in ein bestimmtes Flugzeug zu steigen. Mir kam es jedoch vor, wie die Gewissheit nach einem Albtraum, die uns das Erwachen so schwer macht, als würden wir die nächtlichen Schrecken mit uns in die reale Welt nehmen. Ich wusste einfach, dass ich nicht mehr schreiben konnte. Schweissgebadet lag ich in meinem Bett, unfähig, auch nur einen Muskel zu rühren. Meine Gedanken rasten, doch gleichzeitig war mein Gehirn leer. Ich war in Panik, mein Herz raste wie wild, ich versuchte mich vergeblich zu bewegen. Erst als der Wecker rasselnd verkündete, es sei Zeit auf zu stehen, vermochte ich mich auf zu setzen. Wankend lief ich ins Badezimmer, wie eine Betrunkene nach links und rechts torkelnd, knallte gegen einen Türrahmen. Endlich stand ich in der Dusche. Ich drehte das Wasser auf, eiskalt ergoss es sich über mich, über mein Nachthemd, das aus zu ziehen ich nicht imstande gewesen war. Erst als mein Körper vor Kälte und nicht mehr vor Schock zitterte, gewährte ich ihm etwas Wärme. Wie in Trance zog ich mich an, verliess das Haus, das Morgenessen völlig vergessen, setzte mich in den Zug und befand mich schliesslich in der Schule, letzte Bastion der Realität.

In unserer ersten Stunde hatten wir Mathematik. Ich hörte dem Lehrer zu, und als wir die Theorie einschreiben sollten, nahm ich den Deckel von meinem Füller, um ihn anschliessend auf das Blatt auf zu setzen. Meine Gedanken strömten aus meinem Gehirn in meinen Arm, in die Hand, dann in den Füller und von dort aus in Form von Tinte auf das Blatt. Zahlen füllten die weisse Leere.

Die zweite Stunde war besetzt durch die Geschichte. Meine Gedanken strömten wieder aus meinem Gehirn in meinen Arm, in die Hand, dann in den Füller und von dort aus in Form von Tinte auf das Blatt. Vergangenheit füllte die weisse Leere.

Dritte Stunde: Deutsch. Bleich betrat ich das Klassenzimmer. Mein Blut rauschte mir in den Ohren, und es war mir, als würde es mir zuflüstern: „Du kannst nicht mehr schreiben. Du kannst nicht mehr schreiben.“ Hölzern setzte ich mich auf meinen Stuhl, mein Körper schien der Erde zwar entgehen zu fallen, jedoch nur, weil eine unsichtbare Macht mich zog. An diesem Tag war Schreibwerkstatt. Ich war nicht fähig, den Ausführungen meines Lehrers zu folgen. Als die anderen ihre Bleistifte und Kugelschreiber zückten, nahm auch ich meinen Füller in die Hand. Mit schreckgeweiteten Augen und starrem Blick schaute ich auf dieses Ding in meiner Hand hinunter. Für Minuten war ich wieder nicht fähig, mich zu bewegen. Mir kam einfach nicht in den Sinn, was ich mit diesem Ding tun sollte. Endlich löste ich den Deckel vom Schaft und setzte die Federspitze auf mein Blatt. Meine Augen schienen ausgetrocknet zu sein. Erstaunt beobachtete ich, wie sich auf dem Blatt ein grauer Fleck bildete, der sich rasch ausbreitete. Meine Stirn war schweissnass, und meine Hand schien zu zittern. Der Klang der Pausenglocke erlöste mich. Auf der Heimfahrt konnte ich nur an meine Angst denken, die mich vor vielen Jahren einmal überfallen hatte. Es war zu einer Zeit, als es noch ungewöhnlich war, dass jemand schreibt. Viele Menschen hatten mir prophezeit, dass ich eines Tages ein Buch schreiben würde. Auch ich war dieser Überzeugung. Irgendwann las ich dann ein Buch und stellte mir die ganze Zeit vor, welche Arbeit es bedeutet, sich eine solche Geschichte aus zu denken und sie anschliessend auch noch auf zu schreiben. Und plötzlich überwältigte mich die Angst, dass auch ich eines Tages ein Buch schreiben würde. Ein einziges Buch, denn danach würde für mich alles geschrieben sein, mein ganzes Leben ausgekotzt und aufgeschrieben so zu sagen, und ich würde nicht mehr schreiben können! Nie mehr! Nun war es also geschehen, ich hatte nie ein Buch geschrieben, und ich würde es nie tun. Ich konnte nicht mehr schreiben. Der Gedanke liess mich nicht mehr los.

Zu Hause angekommen, vergrub ich mich in meinem Bett unter einem Berg von Decken. Doch auch die Dunkelheit konnte das Wissen nicht verdrängen. Ich konnte nicht mehr schreiben. Es hallte in meinem Kopf, der mir völlig leer vorkam, als hätte mir jemand unbemerkt das Gehirn ausgesaugt. Verzweifelt wälzte ich mich hin und her. Endlich stand ich auf und suchte im Medizinalschrank nach Schlaftabletten.

„Ich kann nicht mehr schreiben“, hallte es in meinem Kopf. Ich nahm die erste Schlaftablette. Doch es gab keine Erlösung. „Nie mehr schreiben“. Die zweite Tablette fand den Weg in meinen Magen. Unwirksam. Verzweifelt nahm ich eine dritte. „Ich kann nicht mehr schreiben.“ Kein Fluch konnte schlimmer sein. Ich konnte nicht mehr schreiben.

Endlich kam der erlösende Schlaf. Erleichtert begrüsste ich das süsse Vergessen. Neben meinem Bett lagen einige leere Röhrchen…

1. Oktober 1998

Zukunft?

In einer fernen Zukunft. Die Menschen verlassen ihre Häuser nicht mehr. Sie liegen in kleinen Kammern, auf an den Decken befestigten Pritschen, angeschlossen an des Internet, dessen Ausdehnung längst die Dimensionen unseres Universums gesprengt hat. Die Menschen kreieren ein selbstentworfenes Abbild und begegnen und lieben sich als Fremde.

Datum: Ein Tag in ferner Zukunft
Ort: Internet
Anwesende: Romeo und Julia

Romeo steht auf der Wiese, auf einem kleinen Hügel. Er ist allein. Plötzlich ertönt Julias Stimme: „Kommst du mit?“ Romeo dreht sich um die eigene Achse. „Wohin?“, fragt er. Belustigt säuselt Julias Stimme: „Auf eine Reise?“ Wieder fragt Romeo: „Wohin?“ „Zu mir.“ Pause. „Schau mich an. Sag ja.“ Romeo ist verwirrt. Wieder dreht er sich um, sieht nach allen Seiten. „Ja- wo bist du?“, fragt er in die Leere. Julias Stimme lacht: „Auf der Reise zu mir!“ Ihr Lachen schwebt wie ein zartes, neckisches Lüftchen zwischen dem computergenerierten Gras und dem aus Milliarden Pixels bestehenden Himmel. Romeo lässt sich nicht beeindrucken. „Ich kann dir zeigen, wo du bist“, ruft er, „hier an meiner Hand. Warum willst du auf die Reise?“ Julias Körper wird sichtbar, noch ist er durchsichtig und ohne Farbe, wie ein Geist schwebt sie um Romeo. „Ich möchte fliehen. Vor dir, vor der Welt, die mich will. Schau mich nicht an. Ich weiss, dass diese Flucht ohne dich mir nicht gelingt. Lass mich fliehen. Ich möchte das Salz auf meiner Zunge spüren.“ „Du spinnst.“ Romeos harter Kommentar lässt Julia auf die Erde sinken, langsam bekommt ihre Haut Farbe, ihr Haar, ihre Kleidung. Doch noch immer kann Romeo durch sie hindurch sehen, noch immer ist sie ein Gespenst. Mit sanfter Stimme weist sie Romeo zurecht: „Nur so lange, bis du mit mir auf die Reise kommst. Ich möchte dir nicht entwischen. Du bist der kostbare Schatz, der am Erdboden leuchtet.“ Lachend rennt sie vor ihm davon. Romeo ruft ihr nach: „Bleib stehen.“ Abrupt dreht sich Julia nach ihm um. Mit plötzlich aggressivem Unterton in der Stimme fragt sie: „Warum?“ Auf Romeos Zügen ist nichts zu erkennen, die Pixels flimmern nur leicht. „Warum die Frage nach dem Warum?“ Julia scheint sich zum Sprung zu ducken. „Darum.“, brüllt sie ihn an, „also warum?“. Romeo sieht Julia stumm an. Zögernd antwortet er ihr dann: „Ich mag nicht deine Fusssohlen vor mir sehen. – Hast du neue Schuhe?“ Julia scheint verärgert über Romeos schwachen Versuch, ihrer Frage auszuweichen. „Darum möchtest du nicht mit auf die Reise kommen. Du hast Angst, dass ich vor dir am Ziel sein könnte.“ Ihr Vorwurf erhebt sich in die Luft, schwebt zwischen ihnen, wie zuvor Julia, erzeugt eine Spannung. Romeo tritt unruhig von einem Fuss auf den anderen, macht einen versöhnlichen Schritt auf Julia zu. Sein „Nein“ ist fast flehend. Doch Julia ist unbeeindruckt. Die Weiten des Internets rufen sie. Es gibt nicht mehr viel zu sagen. „Dann bleib nicht stehen. Lauf weiter, bis du mich eingeholt hast. Aber warte nicht zu lange.“ Sie dreht sich um und läuft davon. In der Ferne verblasst ihr Körper wieder, wird zu einem säuselnden Geist. Romeo steht nur da, sieht seiner Geliebten nach. Sein Herz ist leer, sein Kopf, sein Bauch. Kraftlos stiehlt sich ein „Bleib stehen“ über seine Lippen und hallt wie ein flehendes Flüstern vom Himmel wieder.

Julia liegt auf ihrer Pritsche.
Irgendwo, vielleicht gleich neben ihr, liegt auch Romeo.

Dialog von Petra

Geschichte von Anna!, beendet am 24. Januar 1999

anna kocht

Samstag. Langeweile. anna war früh aufgestanden. Brav zur Post gegangen. Der Nacken kündigte den ganzen Tag Kopfweh an, doch es kam nie richtig. Sie sah viel fern und räumte etwas auf.

Um sieben entschied sich anna, Abendessen zu kochen. Der Kühlschrank war noch voller Gemüse. Auf Blätterteig, darüber eine Eiersauce, das lag nahe. anna nahm die Kartoffeln aus dem Kühlfach, wo sie in Kürze vor sich hinschimmeln würden. Schnitt den Sack auf und begann die Kartoffeln zu schälen.

Ungefähr nach der Hälfte meldete sich ihr Handy. „Piep, piep“ kündete es ein SMS an. anna stöhnte genervt auf, wusch ihre Hände mit klarem Wasser ab und holte das Handy in die Küche. Depeche Mode weinte einer verpassten Liebe hinterher, und anna las ihre Nachricht: was machst du gerade? stand da. anna lächelte. es ist samstagabend, warum bist du nicht im ausgang? schrieb sie zurück. Thomas würde sie mindestens 5 Minuten auf die Antwort warten lassen, also machte sie sich wieder an die Arbeit. „Piep, piep“. woher willst du wissen, dass ich NICHT im ausgang bin? was machst du gerade?. Die Antwort war einleuchtend. anna gab es auf. ich koche. Keine sehr witzige Antwort, aber es ging hier ja auch nicht um das Erringen des Nobelpreises für Literatur. „Piep, piep“. anna hatte sich in der Zwischenzeit einen Nagel abgerüstet. Auch ein kleines Stück Haut aus dem Zeigefinger. Zum Glück war es nur Haut. kann ich dir dabei helfen?. anna schaute einen Moment gedankenverloren auf den Haufen Kartoffelpellen, der sich schon angesammelt hatte. Eine Kartoffel lag erst halb geschält obenauf. Sie sah sie plötzlich voller Blut. Rotes Blut aus ihrem Finger. Dann wurde das Bild schwarz-weiss. anna räusperte sich und überlegte, was sie als Antwort schreiben sollte. Natürlich konnte ihr Thomas nicht beim Kochen helfen. Wenn er käme, wäre der Kuchen bereits im Ofen. klar :-). Sie würde den Literaturnobelpreis nie erringen. ich bringe den nachtisch mit :-). anna lächelte wieder. Während sie die Kartoffeln weiter schälte und sich verfluchte, einen sack mit klitzekleinen Kartoffeln erwischt und gekauft zu haben, kam ihr plötzlich ein erheitender und schauriger Gedanke. Sie sah Thomas vor sich, wie er einen dieser furchtbaren Männerdessous trug. Mit Tigermuster. anna musste laut lachen.

Thomas kam, und brachte eine Schachtel mit Rumkugeln mit. anna war irritiert. Sie wusste, was Thomas von Rumkugeln hielt. Das gleiche, was sie oft zu hören bekam: „Konditoreiabfälle, wäh, wie kannst du das nur essen?“ anna hatte eine Schwäche für Rumkugeln.

Das Essen verlief schweigsam. Thomas hatte auch eine Flasche Wein mitgebracht, und das dunkle Rot des Weines brach sich wunderschön im Licht der Kerzen. Durch ihren Schein konnte anna Thomas‘ Blicke auf sich fühlen.

Nach dem Essen wechselten sie ins Schlafzimmer. „Zieh dich aus“, forderte Thomas anna mit einem Lächeln auf. Sie tat es. Einen Moment hätte sie fast laut gelacht. Nein, es sollte kein Striptease sein, nur ein erotisches ausziehen. Wie passend, dass just in diesem Moment Phil Collins ‚In the Air tonight‘ anstimmte. Sie wog sich zu der Musik. Knöpfte langsam ihre Bluse auf. Thomas folgte ihren Händen mit seinem Blick.

„Leg dich hin“. anna legte sich aufs Bett. Es war warm und weich, und die Welt drehte ein bisschen um sie her. Thomas holte eine Rumkugel aus der Schachtel. „Jetzt will ich meinen Nachtisch“, murmelte er mit einem Grinsen und bröselte Schockoladenstreusel auf annas Bauch. Die Schokolade glänzte auf der Haut, und schmolz bereits da und dort. Thomas beugte sich über annas Bauch und legte sie auf. Für einen kurzen Augenblick war sie froh, dass ihre Bettwäsche schwarz war. Wenn er aber so weitermachte, würden sie heute Nacht in einem Meer von Schockoladenstreusel schlafen. Diese würden durch ihre Körperwärme schmelzen und sie beide würden morgen wie zwei Schwarze aussehen. anna lächelte. Welch gute Ausrede für eine gemeinsame Dusche. Thomas‘ Zunge wanderte weiter…

16. März 2002

annas Bauch

Ich erkannte annas Gesicht, nicht jedoch ihren Bauch. Er war angeschwollen, unglaublich dick. anna lehnte sich leicht nach hinten und stützte mit den Händen den Rücken. Ihre Lippen umspielte ein Lächeln, als sie meinen fassungslosen Blick sah. „Du, du bist schwanger!“, stiess ich hervor, und gleichzeitig tönten mir alle meine Aengste in den Ohren.

Ich trank einen Cappuccino, anna Tee. Sie hatte nie zuvor Tee getrunken. Ihr sei jedoch seit der dritten Woche dauernd schlecht geworden, wenn sie Kaffee roch, so hatte sie es auch gemerkt, erkärte sie mir. Nun, kurz vor der Niederkunft, konnte sie ihn zwar wieder riechen, jedoch immer noch nicht trinken. Das war die einzige Erklärung, danach sprachen wir wie immer über Gott und die Welt. Als wäre ihr Bauch nicht zwischen uns.

Irgendwann verstummten wir, und ich starrte auf annas Bauch und durch ihn hindurch. Sah mich selbst darin liegen und wünschte mich dahin zurück.

Später hörte ich, dass die Aerzte einen Planeten entbunden hatten. Sie waren verblüfft, als da statt eines nackten Kindes ein kleiner, blauer Planet aus anna herausgedrückt wurde. Der Planet drehte sich einen Moment vor annas lächelndem Blick und entflog dann durch das Fenster, dem Himmel entgegen. Nun stehe ich manchmal da und frage mich, welcher der Sterne da oben annas Welt sein mag. Und ob ich mir selber von dort zuwinke.

In annas Bauch

Schön war uns die Welt
Als wir noch alle Teil von anna
Als wir noch alle in annas Bauch

Nun sehe ich dich schwanger
Und wünsche mich zurück
Wär‘ gerne wieder ein Teil von dir

4. Mai 2002

annas Blut

anna sass mit Freunden im Café. Sie hatte spontan eine ‚Weil-heute-Dienstag-ist‘-Party ausgerufen, und die meisten konnte auch tatsächlich kommen. Es machte allen Spass, an diese Partys zu kommen. Meist traf man sich in einem der Cafés der Stadt. Sie erzählten sich, was sie so machten, lachten und diskutierten.

anna ging kurz raus… wie immer waren ihr die vielen Leute irgendwann zuviel geworden. Die frische Luft war befreiend. Sie ging an ein paar Schaufenstern vorbei. Stellte sich vor, dass sie nur eine Fussgängerin wäre, die nach Hause ging. Schaute einem schönen Mann hinterher. Und ging wieder zurück.

„Du hast uns schon gefehlt“, tönte es ihr entgegen. „Ich weiss“, antwortete anna mit einem frechen Grinsen im Gesicht. „anna?“ anna drehte sich um. Auch wenn es nicht ihr richtiger Name war, sie reagierte auf ihn. Ein junger Mann stand vor ihr. Sah sie an. Er hatte blondes Haar. Ein glattes Gesicht. anna konnte ein Parfum riechen, dass ihr nicht vertraut war. „Ja?“, antwortete sie fragend. „Bist du anna?“, hackte der junge Mann nach. „Kennen wir uns?“, gab anna zurück und runzelte ärgerlich die Stirn. „Du kennst mich nicht, aber ich kenne dich. Und ich habe etwas für dich…“, zischte der Mann.

Was dann passierte, wurde anna später erzählt. Sie selbst hatte keine Erinnerung daran. Nur an das Blut… Der junge Mann musst wohl ein Küchenmesser gezückt haben. Eines jener breiten Fleischermesser. Und rammte es ihr in den Bauch.

anna drückte ihre Hände auf ihren Bauch. Sofort fühlten sie sich schmierig an. Irritiert hob sie die hände. Blut, überall Blut… anna kippte nach hinten und der junge Mann drehte sich um und stürmte zur Tür.

Wie aus tausend Kehlen erklang plötzlich ein Befehl: „Bleib steh’n!“ Der junge Mann blieb stehen. Drehte sich langsam wieder um. Blickte mit panikerfüllten auf anna, die wie eine Marionette an unsichtbaren Fäden wieder aufgestellt wurde. Ihr Blut quoll dunkel aus ihrer Wunde und tropfte auf den Boden. Ihre Jeans waren voller dunkler Flecken. Wie von einer unsichtbaren Kraft wurde der junge Mann zu ihr hingezogen. Wieder stimmten die Kehlen einen Befehl an: „Trink!“, schrien sie. Und der Mann begann zu trinken. Mit gierigen Schlucken saugte er anna das Blut aus dem Körper. Und mit jedem Tropfen wich ihr die Farbe aus dem Gesicht. Die Leute im Café starrten die beiden an, bewegten sich jedoch nicht. Es war, als hätte eine Macht einen Film angehalten.

Als annas Lippen weiss geworden waren, liess sie den Mann gehen. Er stolperte rückwärts weg, starrte sie immer noch voller Entsetzen an. Als er die Tür im Rücken spürte, drehte er sich gehetzt um, riss sie auf und stürmte raus.

Ihm entgegen kam ein Polizist, der nur einen Kaffee trinken gehen wollte. So war er natürlich erstaunt, als ihm ein blutüberströmter junger Mann entgegenfiel, der aussah, als wäre er abgestochen worden.

Der junge Mann erkannte die Uniform, doch es war zu spät. Er prallte gegen den Polizisten. Fiel auf die Knie. Und übergab sich. Kotzte all das Blut wieder raus. Jeder Tropfen, den er anna ausgesaugt hatte wie ein Vampir fiel nun auf das Pflaster. Frauen schrien entsetzt auf, Kinder begannen zu weinen, Männer zu würgen. Das Blut ergoss sich über das Pflaster und färbte den Stein rot.

12. April 2002

annas Gang

Gudrun: althochdeutsch gunt-=Kampf, rúna=Geheimnis

anna lief durch den langen Gang. Die Wände waren hoch, von majestätischen Säulen getragen. Gudrun zog sie immer wieder in einem Raum. „Wow, sieh dir dieses Gemälde an!“, stiess sie hervor und verlor sich in Beschreibung und historischen Exkursen. anna hatte für die Bilder jeweils nur einen kurzen Blick übrig. Schon verfing er sich wieder in der Decke, am Muster des Kachelbodens, an einer Spinnwebe, einem Holzbalken, einem Deckengemälde. Wie in Trance lief sie durch die Hallen. Alles kam ihr vertraut vor. Bevor Gudrun einen Raum betrat, wusste anna schon, wie er aussehen würde. Ihre Absätze klapperten bei jedem Schritt, und das Geräusch wurde von den Wänden in jeden Winkel getragen und kam hundertfach zurück. anna hörte das Flüstern sich verlieren und wollte das Kunstmuseum verlassen. Gudrun war versunken in das Gemälde eines alten Meisters. „Gudrun?“ – „Ja?“ – „Ich warte draussen auf dich“. anna drehte sich um und trat durch die hohe Türöffnung, zurück auf den Gang. „Klack, Klack“, tönte es laut. Gudrun hatte sich umgedreht und sah anna fassungslos nach. „Aber du kannst doch nicht einfach gehen!“ rief sie verblüfft. anna war bereits nicht mehr zu sehen. Auch Gudrun trat über die Schwelle. „Klack, klack, klack“ Mit jedem Schritt fühlte anna sich verfolgt. Sie versuchte Haltung zu bewahren, doch das Klacken dröhnte ihr bedrohlich von überall entgegen. „Wir haben doch noch gar nicht alles gesehen, anna, wir können doch noch nicht gehen!“ rief Gudrun ihr nach, und Echos antworteten hundert Male: „nicht gehen, nicht gehen“

anna blickte nicht zurück. Die Strassen schienen zusammen zu rücken, aus Türen und Fenster schlüpften Menschen, wogen ihr entgegen, hielten sie auf, liessen sie nicht durch. „Wie Ameisen, wie Ameisen!“, dachte anna immer wieder und kämpfte sich voran. Aus den Kanalisationen krochen Kröten und Ratten, der Boden war übersäht von ihnen, die Strassen schwarz von Ameisen und Käfern. Die Luft war erfüllt vom Flügelschlagen tausender Vögel. Sie kreischten und schrieben, pickten nach den Augen der Leute, stürzten sich auf die Käfer, kämpften mit Ratten um tote Hunde. Deren Verwesungsgeruch mischte sich mit dem Gestank von Blut und Tränen.

Dann verschwand der Lärm, und nur eine unheimliche Stille blieb zurück. Die Menschen gingen langsamer, wie in Zeitlupe wichen sie anna nun aus. Nichts roch mehr, und das Licht war heller geworden. Am Horizont verdunkelte sich der Himmel, doch erst als die Dunkelheit die Häuser der Stadt erreichten, konnte anna erkenne, was da war: Gudrun schritt durch die Stadt. Gross wie ein Riese überragte sie die hohen Häuser.

Nur einen Riesenschritt von anna entfernt blieb Gudrun stehen. Sie sah auf anna hinab. „nicht gehen, nicht gehen“, wisperte von irgendwo. Gudrun beugte sich hinunter, über anna. Sah sie mit ihren grossen Augen an. Dann richtete sie sich wieder auf und begann zu lachen. Und ihr Lachen erschütterte die Stadt.

7. April 2002

annas Haus

anna hatte ein kleines Vermögen geerbt. Zumindest sagte sie das so. Das kleine Vermögen musste wohl beträchtlich sein. sie kaufte sich davon ein haus in der altstadt. renovierte und richtete es ein. die fassade liess sie weiss streichen. „Eigentlich hätte ich sie lieber orange gesehen. Orange ist einfach die perfekte Farbe. Und dabei mag ich Orange nicht mal“, erzählte sie und lachte. „Doch zu der roten Schrift passt nun mal weiss besser. Das hätte sonst etwas seltsam ausgesehen.“

Ich stand also vor dem Haus. Den Kopf im Nacken, studierte ich die Schrift. Sie war rot wie frisches Blut. In Lateinisch stand da ein Satz, sich endlos wiederholend. Nur ein Band, gleich unter den Fenstern im ersten Stock. „Dies ist der Ort, den ich gewählt, mir zum Gefängnis.“ annas Blick ging durch mich hindurch. Ihre Gedanken waren anderswo. „Dein Gefängnis?“, fragte ich sie, nachdem ich einige Male tief Luft geholt hatte. Sie sah mich traurig an.

6. Mai 2002

annas Liebhaber

annas Liebhaber küsste sie zum Abschied, und sein Kuss war bedeutungsschwanger, denn er küsste sie nicht auf die Lippen. Er setzte seinen Kuss gezielt an jene Stelle am Hals, auf den Uebergang, wie anna ihn nannte. Dort, wo der Körper sich dem Geist öffnete. Dort, wo die Erde den Himmel traf. anna hatte ihm davon erzählt, in einer Nacht, als der Himmel dunkel war und die Welt wie im Winterschlaf schien, mitten im Sommer, mitten am Tag.

Dann ging annas Liebhaber.

anna sah ihm nach, aus noch träumeschweren Augen. Sie sah sein Haar verschwinden hinter der Tür, sein Hemd, seine Hand. Sein Geruch hing noch in der Luft, vielleicht auch zwischen den Laken oder auf annas Haut. Einen Moment verspürte sie eine Traurigkeit, die sie glauben machte, niemals wieder glücklich werden zu können. Dann war es vorbei, wie ein Windhauch, eine vertraute Erinnerung, ein Todesgruss.

5. Juni 2002

annas Lüge

Der Himmel hörte nirgends mehr auf. anna sass auf einer Bank im Park und starrte in das grüne Gras. Der Sommer hatte sich verspätet, so kam es ihr zumindest vor. Die ersten Versprechen wurden nicht eingehalten, die Temperaturen waren nicht gestiegen, der Frost bedeckte jeden Morgen das Land. Die Sonne schien und liess sich doch nie sehen, versteckte sich Tag für Tag hinter weissem Dunst.

Die Verkäuferin zog die Artikel mit geübter Bewegung über das Checkfeld für den Strichcode. Der Computer liess jedesmal ein bestätigendes Pipen ertönen und listete die Lebensmittel auf. Statt Backpulver stand da Vanillinzucker. Beides kostete gleichviel.

Ich lag in annas Armen. „Erzähl mir eine Lüge“, bat ich sie.

Die Nacht hatte ihr Gesicht bereits bedeckt. Nur das gelbe Licht einer Strassenlampe hier und da. anna ging durch die Strassen und vergass für kurze Zeit ihre Angst. Jeder Schritt wirkte befreit. Bis die Sonne aufging.

„Nein, heute habe ich keine Zeit. Und nein, morgen habe ich auch keine Zeit. Ich habe auch übermorgen keine Zeit, und an dem Tag danach. Niemehr, niemals mehr habe ich Zeit für dich!“

„Mein Leben“, antwortete anna. Sie blickte auf, sah ihm in die Augen. Ihr Blick war durchdrungen von Schmerz und Müdigkeit. Sie wurden weiss und verloren ihre Farbe, und die ganze Welt war nur noch grau.

Dies ist meine Lüge. Ich belüge dich, der du diese Worte liest. Ich belüge dich, die du meine Zeilen überfliegst. Dies sei mein Bekenntnis. Ich leide. Ich leide an dir.

26. April 2002